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Das Wort zum Sabbat

Der Tod Jesu – ein gefälliges Menschenopfer?

Die Spannung zwischen der Aussage „Gott will keine Menschenopfer“ und dem christlichen Bekenntnis zum Kreuzestod Jesu gehört zu den tiefsten theologischen Fragen der Bibel. Eine Reflexion darüber führt mitten hinein in das Verständnis von Opfer, Bund und der Person Jesu Christi.

Im Alten Testament wird deutlich, dass Gott Menschenopfer ausdrücklich verurteilt. In 5. Mose 12,31 heißt es, dass die heidnischen Völker „ihre Söhne und Töchter für ihre Götter verbrannten“, was Gott als Gräuel bezeichnet.

Ebenso betont Jeremia 7,31, dass solche Opfer nie in den Sinn des HERRN gekommen sind. Gott offenbart sich hier als der, der das Leben schützt und nicht dessen Zerstörung fordert. Auch die Geschichte von Abraham und Isaak (1. Mose 22) endet gerade nicht mit einem Menschenopfer – Gott selbst greift ein und stellt das Lamm als Ersatz bereit.

Im Neuen Testament wird der Tod Jesu jedoch als Heilsereignis gedeutet. Und, in Jesaja 53 wird prophetisch vom leidenden Gottesknecht gesprochen, der „sein Leben als Schuldopfer“ hingibt:

„Doch dem HERRN gefiel es, ihn zu zerschlagen; er ließ ihn leiden. Wenn er sein Leben als Schuldopfer eingesetzt hat, wird er Nachkommen sehen und seine Tage verlängern; und das Vorhaben des HERRN wird in seiner Hand gelingen“ (Jesaja 53,10; Schlachter 2000).

Die Formulierung „dem HERRN gefiel es“ bedeutet, dass Gott den Heilsplan durch das Leiden und den Tod seines Sohnes gewollt hat. Sie bedeutet nicht, dass Gott Gefallen am Leiden selbst hatte, sondern dass der Erlösungsplan (das Heil für viele) seinem Willen entsprach.

Im Johannesevangelium 3,16 heißt es: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab“ (NLB). Auf den ersten Blick könnte dies wie ein göttlich gewolltes Menschenopfer erscheinen. Doch das Neue Testament betont einen entscheidenden Unterschied: Jesus gibt sich selbst freiwillig hin. In Johannesevangelium 10,18 sagt Jesus: „Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es von mir aus hin.“

Hier wird deutlich: Es geht nicht um ein erzwungenes Opfer, sondern um Selbsthingabe.

Der zentrale Unterschied liegt jedoch in der Person Jesu. Das Neue Testament bekennt Jesus nicht nur als Menschen, sondern als Sohn Gottes. In Philipperbrief 2,6–8 wird beschrieben, dass Christus „in Gottes Gestalt war“, sich jedoch „entäußerte“ und gehorsam wurde „bis zum Tod am Kreuz“.

Wenn Jesus mehr ist als ein bloßer Mensch, dann ist sein Tod nicht einfach ein Menschenopfer im heidnischen Sinn, sondern Gottes eigenes Handeln in Christus. In 2. Korintherbrief 5,19 heißt es: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selbst.“ Das bedeutet: Gott fordert nicht das Opfer eines Dritten, sondern gibt sich selbst.

Damit wird der Kreuzestod nicht zum Widerspruch, sondern zur Erfüllung dessen, was die Opfer des Alten Bundes nur symbolisch andeuteten. Der Hebräerbrief 10,10 betont: „Durch diesen Willen sind wir geheiligt durch das ein für alle Mal geschehene Opfer des Leibes Jesu Christi.“

Wäre Jesus nur ein Mensch, wäre sein Tod tatsächlich problematisch im Licht der alttestamentlichen Ablehnung von Menschenopfern. Doch das christliche Bekenntnis sieht im Kreuz kein von Gott gefordertes Menschenopfer, sondern Gottes Selbsthingabe aus Liebe.

Das Kreuz offenbart daher nicht Gottes Gefallen an Blut, sondern seine radikale Solidarität mit der leidenden Menschheit. Es zeigt einen Gott, der nicht Opfer verlangt, sondern aus Liebe zu seiner Schöpfung selbst Opfer wird.

In diesem Sinne wünsche ich allen einen gesegneten Sabbat.

Wim Dekker

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